Versuch einer Diskussion zu meinem Bekenntnis

Versuch einer Diskussion zu meinem Bekenntnis

Ich erhielt am 4.10. eine Mail von einem Leser:

„Sehr geehrter Herr Jansen, Ihre Aussage in Ihrem „Bekenntnis“ , in der Glaubensstimme, dass die Autoren der Bibel keine Schreibmaschinen sind und dass auch in die Texte eigenen Meinungen und Vorstellungen einfließen, kann ich nicht nachvollziehen. Die ganze Bibel ist den Autoren durch den heiligen Geist eingegeben worden. Was ist dann vom Geist Gottes und was Meinung der Schreiber? Einmal meine ich sagt Paulus: das ist nicht vom Herrn, sondern das sage ich euch… Da weist er explizir darauf hin. Beim von Ihnen zitierten katholischen Glaubensbekenntnis liegen Sie auch falsch. Das kath. Bekenntnis sagt: …. ich glaube an den heiligen Geist , die heilige katholische Kirche…. mit freundlichen Grüßen,“

Ich habe ihm folgende Antwort geschrieben:

„danke für Ihre Anfrage. Ich möchte versuchen, Ihnen zu verdeutlichen, was ich meine, auch wenn ich durch die Anführungsstriche beim Wort „Bekenntnis“ in Ihrem Schreiben das Gefühl habe, dass Sie dieses Bekenntnis (und damit meinen Glauben) nicht ernst nehmen .

Da ich selber auch Autor bin, weiß ich, dass in Texte immer auch eigene Blickwinkel, Persönlichkeitsstrukturen, Meinungen und Überzeugungen der Schreiber einfließen – und genau das ist es, was ich auch in der Schrift finde. Ich glaube und bin mir dessen gewiss, dass der Heilige Geist die Autoren genutzt hat – mit IIhren Fähigkeiten, Meinungen, mit Ihrer Persönlichkeit und Ihren Fähigkeiten.

Sie zitieren Paulus aus einer Stelle des Korintherbriefes – und an dieser Stelle betont er tatsächlich, dass er hier seine Meinung wiedergibt. Tatsächlich tut er es öfter – so z.B. im Römerbrief, wo eine seiner Standardfragen ist: Was sollen wir hierzu sagen? (Röm. 3,5) Was sollen wir hierzu sagen? (Röm. 7,7), Aber ich sage damit nicht (Röm. 9,6), Ich sage durch die Gnade … (Röm. 12,3). Im 1. Korintherbrief kommt diese Aussage eben auch immer wieder (7, 29; 6,5; 7,6; 9,8; 15,50). Und auch in den anderen Briefen betont er immer wieder, daß er es sagt. Nur einige Beispiele: Eph. 4, 17; Phil 4,15; Kol. 2,4. Auch Johannes betont dies, z.B. in 1. Joh. 5,16.

Ich kann in den Autoren auch schon deshalb keine „Schreibmaschinen“ sehen, weil jeder Autor seinen besonderen Stil hat, ja, weil einige Autoren sich sogar zu widersprechen scheinen. Ich verstehe jedoch auch Ihre Frage: Was ist dann vom Geist Gottes und was Meinung der Schreiber? Diese Frage hat mich lange herumgetrieben, auch gerade wegen der Glaubensstimme, in der ich ja verschiedenste Auslegungen der Schrift anbiete, selbst wenn ich sie selber nicht teile. Meine Kernfrage ging sogar noch weiter: Was ist denn Gottes Wort? Wer hat festgelegt, welche Bücher zur Bibel gehören und welche nicht? Hat die römisch-katholische Kirche recht mit ihrem erweiterten Kanon? Haben die Väter der evangelischen Kirche und des Pietismus recht, die einzelne Bücher sehr wohl noch zur Schriftauslegung hinzuzogen (besonders denke ich hier an Jesus Sirach). Das Judentum hatte selbst zur Zeit Jesu noch keinen eigenen Kanon – jede Gruppierung bezog sich auf die Tora oder den Tanach. Der sogenannte jüdische bzw. hebräische Kanon wurde erst ca 100 n. Chr. festgelegt und hat daher für uns nur geringere Bedeutung (ich vermute, dass Sie alles, was ich hier schreibe, natürlich wissen, doch zum Einen möchte ich verstanden werden und zum anderen behaupten manche Leute, ich würde mich gerne reden hören).

Auch die junge christliche Kirche war sich in den kanonischen Büchern noch nicht einig. Im muratorischen Kanon (um 180) z.B. gibt es Bücher, die es heute nicht mehr in der Bibel gibt: Die Weisheit Salomo und die Offenbarung Petri. Dafür fehlte z.B. der 3. Johannesbrief, der Hebräerbrief und die beiden Petrusbriefe. Im Kanon des neuen Testamentes, den Eusebius zusammengestellt hat, werden einige Briefe als umstritten genannt: Zu den bestrittenen aber, welche indes gleichwohl bei den meisten in Ansehen stehen, werden gerechnet der sogenannte Jakobusbrief, der Brief des Judas, der zweite Brief des Petrus und der sogenannte zweite und dritte Johannesbrief, welche entweder dem Evangelisten oder einem anderen Johannes zuzuschreiben sind.

Erst gegen 367 einigten sich die christlichen Kirchen auf den Umfang des neutestamentlichen Kanons. Einige Bücher, die im Osten angezweifelt waren (Offenbarung, 2. Petrusbrief, Judasbrief…) wurden aufgenommen, ebenso einige, die im Westen angezweifelt wurden (z.B. der Hebräerbrief).

Auch in den verschiedenen Handschriften der Bibel gab es Briefe und Texte, die heute nicht mehr zur Bibel gehören, so z.B. der Hirt des Hermas und der Barnabasbrief im Codex Sinaiticus, die beiden Clemensbriefe im Codex Alexandrinus.

Die Bibel selber gibt kein Verzeichnis der zu Ihr gehörenden Schriften (2. Pet. 3,15 ist kein Beleg gegen diese Aussage). Wir haben also – genauer: Ich hatte also – das Problem: Woran erkenne ich Gottes Wort? Welche Bücher sind Gottes Wort? Oder sind sogar nur Teile von Büchern Gottes Wort?

Für mich als bekennenden und gläubigen Christen ist die Vorstellung unmöglich, dass es in der Bibel Fehler gibt. Ich denke, dass Sie da mit mir konform gehen. Wäre also eine „menschliche Meinung“ des Paulus, die in die Bibel kommt, ein Fehler in der Schrift? Das sei ferne! Selbst die von Ihnen zitierte Stelle aus dem 1. Korintherbrief ist Gottes Wort! Warum? Hier komme ich zu der Lösung, die ich für mich gefunden habe: Zunächst einmal nehme ich Luther herbei und sage mit ihm: „Denn das Heubtstück mus war sein, das die alte heilige Schrifft auff Messia und unsern glauben gehe und zeuge, Wer sie dahin nicht verstehet, der kan sie nicht haben.“ oder, um es kürzer zu sagen: „Was Christum treibet!“ Ich traue den Aposteln und Autoren des Neuen Testamentes sehr wohl zu, dass sie geheiligt waren und ihren Dienst unter Gebet und unter Einfluss des Heiligen Geistes ausübten – so dass hier, auch wenn ihre eigene Meinung oder Vorstellung einfließt, diese geheiligt sind. Oder anders ausgedrückt: Der Heilige Geist hat die Evangelisten und Apostel sicher nicht als Schreibmaschinen gebraucht – er hat aber sehr wohl die Macht gehabt und diese genutzt, damit nichts, was dem Willen und Wesen Gottes widerspräche, in die Bibel Aufnahme findet.

Nun gut, damit hätte ich das Neue Testament und auch die weitesten Teile des Alten Testamentes (verzeihen Sie bitte diese Einschränkung, aber mit dem Hohelied und dem Prediger Salomo bin ich mir nicht ganz schlüssig, daher beschäftige ich mich seit geraumer Zeit mit diesen Texten). Aber was ist mit den Apokryphen, insbesondere mit Jesus Sirach und der Weisheit Salomo, aber auch mit Tobit? Auch hier kann ich nur meine persönliche Meinung bieten, von der ich nicht glaube, dass sie grundsätzlich gilt, sondern die eher für mich eine Krücke ist. Es gibt keinen biblischen Grund, diese Bücher zu verdammen – und es gibt keinen biblischen Grund, sie in die Bibel aufzunehmen. Gibt es in den Apokryphen Lehren, die Christum treiben und die wir nicht in der „evangelischen“ Bibel finden? Ich glaube nein. Mit der anglikanischen Kirche vertrete ich: „Die übrigen Bücher liest zwar die Kirche, wie Hieronymus sagt, als Vorbilder für das Leben und als Sittenregeln, aber sie gebraucht dieselben nicht zum Beweise für Glaubenslehren.“ (Art. 6 der 39 Artikel von 1562). Auch die reformierten Kirchen lehren: „Wir machen ferner einen Unterschied zwischen diesen heiligen Büchern und denen, die man Apokryphen nennt, so dass die Kirche zwar die Apokryphen lesen und aus ihnen Beweise entnehmen kann in Dingen, welche mit den kanonischen Büchern übereinstimmen; aber sie haben keineswegs ein solches Ansehen und eine solche Kraft, dass nach ihrem Zeugnisse irgendein Satz des Glaubens oder der Religion der Christen sicher festgestellt werden kann, geschweige dass sie das Ansehen der andern entkräften oder verringern können.“ Und die lutherischen lehren mit Luther: „Das sind die Bücher: so der heiligen Schrift nicht gleich gehalten, und doch nützlich und gut zu lesen sind.“.

Übrigens: Was ich für die Apostel und Evangelisten sowie für die übrigen Verfasser des Neuen Testaments schreibe, kann ich auch noch an anderen Stellen belegen. So zitiert Paulus einen griechischen Heiden, als er den Satz „In ihm leben, weben und sind wir“ zitiert – dieser Satz war ursprünglich auf Zeus gemünzt. Hier greift Paulus auf einen heidnischen Text, ein Gebet an einen Götzen zurück – und benutzt diesen zum Beleg für den wahren Gott. So wirkt der Heilige Geist meiner Meinung nach. Ähnliches finden wir auch in anderen Zitaten des Neuen Testamentes, in denen aus Apokryphen oder heidnischen Schriften zitiert wird (z.B. Jud. 1:14 ff, wohl aus dem Äthiopischen Henochbuch, der dritte Himmel bei Paulus, der ev. aus dem slawischen Henochbuch oder der Apokalypse des Moses stammen könnte. Tatsächlich gibt es eine Reihe von Zitaten aus den Apokryphen, aus anderen Büchern oder heidnischen Büchern in der Bibel (z.B. 1. Kor. 2,9, das nur teilweise in Jes.,64,3, aber komplett in der Eliasapokalypse; Römer 11,34 könnte auch aus der Baruchapokalypse stammen, insbesondere der erste Teil).

Jörg Sieger schreibt: 1 Kor 2,9; Joh 7,38; Jak 4,5. Vielleicht liegt 1 Kor 2,9 ein alttestamentliches Mischzitat vor. Johannes und Jakobus zitieren aber offensichtlich eine apokryphe Schrift. Unklar ist darüber hinaus, ob auch in Lk 11,49 und Eph 5,14 eine Stelle aus der Schrift zitiert werden soll. … Möglicherweise war also gerade der dritte Teil der hebräischen Bibel in neutestamentlicher Zeit noch gar nicht abgeschlossen.

Ich lese daher auch die Apokryphen gerne, selbst wenn ich sie nicht für die Bibel halte. Ich würde niemals eine Lehrfrage anhand der Apokryphen entscheiden – aber sollte ich sie daher verwerfen?

Genug geschrieben – ich weiß ja nicht einmal, ob Sie bis hierher gelesen haben oder ob es Ihnen wirklich um einen Dialog geht. Daher nur kurz zum altkirchlichen Bekenntnis. Es handelt sich ja um ein katholisches, sprich allgemeines Bekenntnis (denn nichts anderes sagt ja der Begriff „sanctam Ecclesiam catholicam,“ aus der lateinischen Ausgabe des Apostolikums). Hier ist also mitnichten die katholische Kirche im Sinne von römisch-katholischer Kirche benutzt – denn die gab es so damals nicht – sondern die allgemeine christliche Kirche. Wenn ich heute den Begriff „katholisch“ benutzte, wäre die im besten Falle mißverständlich. Und da ich sowohl die Worte „sanctam“ als auch „Ecclesiam“ verdeutsche, so tue ich das auch mit dem catholicam, indem ich die Bezeichnung „christliche“ dafür verwende. Auch hier stehe ich in reformatorischer Tradition: Die 1554 nach Frankfurt eingewanderten Reformierten, Martin Luther (Kurze Form die zehen Gebote, Glauben und Vater Unser zu betrachten; Großer Katechismus deutsch; Die drey Symbole, oder Bekenntniß des christlichen Glaubens; Der kleine Katechismus); Das Bekenntnis der Täufer durch Peter Ridemann, Philipp Melanchthon in den drei Hauptartikeln, Mathesius im Bekenntnis der Kirchen in St. Joachimsthal, Lachmann und Gräter in ihrer Catechesis zu Heilbronn; auch katholische Autoren vor 1546 übersetzten so, am bekanntesten vielleicht Nikolaus von Cusa: Ich love in den Hylgen Geyst, de Hylgen Christene Kerke. Meynscup der Hylgen, Vorgevunge der Sünde, Upstandinge des Vleysches, und eyn ewig Leven. Amen. Aus der Glaubensstimme kann ich noch gerne eine Reihe weitere Belege finden – falls es Sie interessiert, mache ich mir gerne diese Arbeit. Nur: Das „katholisch“ im Glaubensbekenntnis ist eben nicht die römisch-katholische, sondern die allgemeine christliche Kirche. Und dazu gehört – und ich denke, sie gehen da mit mir konform – jeder, von dem gilt: „Denn so Du mit Deinem Munde bekennst Jesum, dass er der Herr sei, und glaubst in Deinem Herzen, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat, so wirst Du selig.“

Vielen Dank für Ihre Anfrage. Vielleicht glauben Sie mir nicht, aber es war mir eine Freude, mal wieder durch die ganzen Sachen durchzustreifen und mir selber klar zu werden, was ich warum glaube.

Ich wünsche Ihnen den reichen Segen unseres Gottes, Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Andreas Janssen“

Leider wurde ich keiner Antwort gewürdigt.